Martina Schwanke
Abstract Art Potsdam
Künstlerin Martina Schwanke im Interview
"Ein Aufbruch ins Unbekannte"
23.09.2026, von Rainer Baumgärtner
Du hast über mehrere Jahrzehnte als Professorin gearbeitet, wobei Sprache und Kommunikation im Mittelpunkt standen. Wie korreliert dieser Schwerpunkt mit Deiner Faszination für die abstrakte Malerei?
In meiner Arbeit mit Menschen ging es selten um geradlinige Biografien, sondern um Brüche und Unsicherheiten. Das Leben selbst verweigert sich jeder Glättung. Meine abstrakten Bilder sehe ich als visuelle Metaphern für diese Dynamik: Die kraftvollen Strukturen stehen für die gelebten Falten des Lebens, für Erfahrung und eine Schönheit jenseits des Perfekten. Eine Glättung würde diese Ästhetik zerstören. Erst der Mut zur Unebenheit macht Schönheit sichtbar.
Warum hat Dir die Sprache als Medium irgendwann nicht mehr ausgereicht, um Dich auszudrücken?
Ich habe zunächst mit der Fotografie begonnen und der Wechsel zur Malerei kam völlig ungeplant: Ich verpasste eine Vernissage, holte mir frustriert riesiges Packpapier aus dem Schrank, kaufte Farben und legte los. Seitdem bestimmt diese intuitive Leichtigkeit meine Arbeit als Künstlerin.
Wenn wir Deine heutigen Kunstwerke als visuelles Statement betrachten: Welche Botschaft ist Dir dabei wichtig?
Mein visuelles Statement ist ein Plädoyer für das Hinsehen. Kunst sollte sich idealiter dem schnellen Konsum entziehen. Wenn ich während des Malens rein intuitiv Schicht für Schicht aufbaue und Brüche zulasse, dann ist das auch eine Aufforderung an Menschen, öfter innezuhalten. Die Botschaft ist: Habt den Mut, die Perspektive zu wechseln. Die spannendsten Wahrheiten befinden sich selten auf der glatten Oberfläche, sondern sie offenbaren sich in den tieferen Ebenen: im Bild wie im Leben.
Was motiviert Dich am meisten, den ersten Schritt zu tun und eine neue Arbeit zu beginnen?
Es ist ganz banal eine gewisse Neugier auf das, was passiert, wenn das spontan gewählte Material auf die Leinwand trifft. Ich plane meine Bilder ja nicht am Reißbrett. Der erste Schritt ist für mich wie ein Aufbruch ins Unbekannte. Zu Beginn weiß ich selbst nicht, wo die Reise hingeht, wo sich Schichten übereinanderlegen, wie sich Farben miteinander vermischen und wo am Ende Brüche entstehen. Diese Unvorhersehbarkeit motiviert mich.
Gibt es denn bei all der Spontaneität im Atelier auch äußere Inspirationen, die Dich beeinflussen?
Es ist eine Mischung. Das, was mich umgibt, ist sicherlich der Auslöser. Natürlich reagiere ich auf das Licht, auf Farben, auf Musik oder Gerüche. Aber mich bewegen auch die großen gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit, die vielen Spannungen. Und mir begegnen die Fragen der Menschen nach Selbstfindung.
Das sind tiefe, teilweise sehr komplexe Eindrücke. Wie finden diese Themen denn am Ende den Weg auf Deine Leinwand?
All diese Wahrnehmungen lagern sich unbewusst ab und ploppen dann unvorhersehbar als energetischer Reiz wieder auf. Ab da verselbstständigt sich der Prozess radikal. Meine Werke illustrieren diese Themen selten. Vielmehr ist eine solche Inspiration der erste Funke, bis sich im Malprozess Strukturen nach und nach herausschälen.
Deine Bilder haben eine beachtliche Tiefe. Aber Du schichtest das Material nicht nur, Du reißt es oft auch wieder auf und machst Brüche sichtbar. Ist Deine Malerei so etwas wie ein Akt der Zerstörung?
Nein, für mich ist es keine Zerstörung. Das Aufkratzen und Freilegen von Strukturen ist der Moment, in dem das Bild Gestalt annimmt. Reine, glatte Perfektion interessiert mich nicht. Erst durch die Brüche bekommt das Werk eine Seele. Es ist wie ein Frieden-Schließen mit dem, was war.
Du hast mir erzählt, dass Du Deine Materialien sehr spontan und intuitiv wählst. Wonach entscheidest Du im jeweiligen Moment, welcher Stoff oder welche Substanz jetzt gerade auf die Leinwand soll?
Jetzt muss ich eine eher enttäuschende Antwort geben: Ich habe nämlich keine Favoriten. Es ist reine Intuition. Im Atelier greife ich nach dem, was sich in genau diesem Moment richtig anfühlt. Manchmal braucht ein Bild den rauen Widerstand von Sand, manchmal die Leichtigkeit von Asche oder die Härte von Metall. Vorgefertigte Konzepte gibt es bei mir nicht.
Deine Strukturbilder wirken fast dreidimensional. Was wünschst Du Dir, was in einem Menschen passiert, der eines Deiner Werke anschaut?
Ich male nicht, um eine bestimmte Wirkung zu erzwingen. Ein Kunstwerk darf für mich auch einfach mal nur in einem Raum wirken und dekorativ sein, das ist völlig okay. Die Menschen entscheiden ohnehin rein emotional. Spannend wird es, wenn ein Bild in den Betrachtenden eigene Assoziationen hervorruft, wenn sie darin etwas sehen, worauf ich selbst nie gekommen wäre. So ein Feedback macht mir Spaß. Und dafür male ich.
Wenn wir mal nach vorne schauen: Gibt es ein Thema oder ein Experiment, an das Du Dich bisher noch nicht herangewagt hast, das Dich aber reizt?
Mein Blick geht hin zu großformatigen, skulpturalen Werken. Ich möchte die Strukturen noch weiter aus der Leinwand herausbrechen lassen. Das erfordert allerdings richtig viel Platz und eine ganz andere Art zu arbeiten. Aber diesen Schritt empfinde ich als neue Herausforderung für die Zukunft.
Rainer Baumgärtner ist langjähriger Kulturjournalist und arbeitet für ARD-Hörfunksender, insbesondere für radio3 vom rbb und den Deutschlandfunk.
